Webtalks im Überblick
Fokus
Dieser Webtalk widmete sich der komplexen Beziehung zwischen Schmerz und Sucht und analysierte die Wechselwirkungen zwischen körperlichen und seelischen Schmerzerfahrungen, individuellen Bewältigungsstrategien sowie gesellschaftlichen Einflussfaktoren. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Abhängigkeitsentwicklungen im Kontext chronischer Schmerzen entstehen, welche Mechanismen und Risikofaktoren dabei wirksam werden und welche versorgungsbezogenen sowie ethischen Herausforderungen sich daraus ergeben.
Referent*innen und Expertise
Prof. Dr. med. Frank Petzke (Universitätsmedizin Göttingen) Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. und Leiter der Schmerzmedizin an der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen. Forschungsschwerpunkte: Schmerzmedizin, interdisziplinäre Versorgungskonzepte und klinische Schmerztherapie.
Dr. Anne Gärtner (Dresden) Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis und ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsprojekte PAIN2020 und PAIN2.0 der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. Schwerpunkt: psychotherapeutische Begleitung chronischer Schmerzpatient*innen und psychosoziale Einflussfaktoren der Schmerzchronifizierung.
Dr. Dr. Andreas Bell Philosoph, Theologe und Chemiker mit Forschungsschwerpunkten im Bereich anthropologischer Grundlagen von Sucht sowie medizinethischer Aspekte von Prävention und Therapie.
Zentrale Themen
Erkenntnisse
Die Diskussion verdeutlichte, dass Schmerz und Sucht nicht als voneinander getrennte Phänomene betrachtet werden können, sondern sich auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene gegenseitig beeinflussen. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung eines integrativen Verständnisses, das individuelle Lebenskontexte, emotionale Belastungen und gesellschaftliche Einflussfaktoren berücksichtigt. Die Analyse zeigte zudem, dass eine nachhaltige Versorgung interdisziplinäre Ansätze sowie eine differenzierte Betrachtung von Stigmatisierung und Versorgungsrealitäten erfordert.
Fokus
Dieser Webtalk analysierte die Wechselwirkungen zwischen geschlechtsspezifischen Schmerzmythen, gesellschaftlicher Wahrnehmung und medizinischer Realität. Im Zentrum stand die Frage, wie biologische, psychosoziale und strukturelle Faktoren die Schmerzerfahrung von Frauen sowie deren diagnostische und therapeutische Versorgung beeinflussen.
Referent*innen und Expertise
Zentrale Themen
Erkenntnisse
Der Webtalk verdeutlichte, dass Frauen in besonderem Maße von unterschiedlichen Schmerzformen betroffen sind, zugleich jedoch strukturelle Benachteiligungen in Diagnostik und Therapie erfahren. Die Diskussion unterstrich die Notwendigkeit einer geschlechtersensiblen Schmerzmedizin, die biologische Unterschiede, psychosoziale Belastungsfaktoren sowie kulturell tradierte Wahrnehmungsmuster gleichermaßen berücksichtigt, um Versorgungsgerechtigkeit und Therapiequalität nachhaltig zu verbessern.
Fokus
Dieser Webtalk widmete sich den Schnittstellen zwischen Kultur und Gesundheit und analysierte die Potenziale kultureller Teilhabe für Prävention, Lebensqualität und therapeutische Prozesse – insbesondere im Kontext chronischer Schmerzerkrankungen. Im Mittelpunkt standen aktuelle europäische und nationale Entwicklungen im Handlungsfeld „Culture & Health“ sowie Strategien zur strukturellen Integration kultureller Angebote in gesundheitsbezogene Versorgungskonzepte.
Referent*innen und Expertise
Zentrale Themen
Erkenntnisse
Die Diskussion verdeutlichte, dass kulturelle Teilhabe als evidenzbasierter gesundheitsfördernder Faktor zunehmend gesundheitspolitische Relevanz gewinnt. Internationale Modellprojekte und europäische Strategiepapiere weisen auf das Potenzial hin, Kultur als strukturellen Bestandteil präventiver, rehabilitativer und therapeutischer Versorgungskonzepte zu etablieren. Besonders hervorgehoben wurde die Notwendigkeit einer nationalen Strategie zur systematischen Implementierung entsprechender Ansätze in Deutschland.
Fokus
In diesem Webtalk stand der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Schmerzen im Mittelpunkt: Wie beeinflussen soziale Herkunft, Bildung, Lebenslage und gesellschaftliche Strukturen die Entstehung, Wahrnehmung und Behandlung von Schmerzen?
Referent*innen und Expertise
Prof. Dr. Thomas Kohlmann (Greifswald) arbeitet als Soziologe am Institut für Community Medicine in Greifswald. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Schmerzepidemiologie, Forschungsmethoden in der Sozial- und Versorgungsforschung und die Messung der subjektiven Gesundheit. Er interessiert sich ganz besonders für das Problem der sozialen Ungleichheit in Gesundheit und Krankheit. In seinem Beitrag wird er u.a. der Frage nachgehen, warum Arme früher sterben müssen und weshalb Menschen mit niedrigem Bildungsgrad häufiger unter Schmerzen leiden.
Zentrale Themen
Soziale Lage und Gesundheitsverhalten – Der Einfluss von Bildung, Einkommen und Lebensbedingungen auf Schmerzrisiken, Krankheitsbewältigung und Zugang zu Gesundheitswissen.
Kulturelle und strukturelle Unterschiede – Wie Wahrnehmung, Kommunikation und medizinische Behandlung von Schmerzen durch gesellschaftliche Zugehörigkeit und strukturelle Barrieren geprägt werden.
Prävention und Sozialpolitik – Diskussion über Maßnahmen zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten, Förderung von Gesundheitskompetenz und gezielte Unterstützung benachteiligter Gruppen.
Erkenntnisse
Der Webtalk zeigte, wie überholte Mythen und diskriminierende Narrative zu Fehlwahrnehmungen und ungleicher Versorgung führen. Ein modernes Schmerzverständnis muss kulturelle, soziale und politische Dimensionen einbeziehen – um Mythen zu entlarven, Stigmata zu überwinden und Wege zu einer gerechteren, informierten Schmerztherapie zu öffnen.
Fokus
Dieser Webtalk widmete sich den hartnäckigen Mythen rund um das Thema Schmerz und beleuchtet deren „Nebenwirkungen“ – sowohl für Patient*innen als auch für die Gesellschaft. Im Zentrum stand die Frage, wie kulturelle, politische und medizinische Narrative unser Verständnis von Schmerz prägen und welche Folgen dies für Diagnostik, Therapie und gesellschaftliche Wahrnehmung hat.
Referent*innen und Expertise
Dr. rer. nat. Paul Nilges (Mainz) Psychotherapeut mit Schwerpunkt Schmerzpsychotherapie. Langjähriger Leiter des Arbeitsbereichs Psychologie im Interdisziplinären Schmerzzentrum Mainz. Forschungsschwerpunkte: Entwicklung diagnostischer Instrumente, Revision der Schmerzdiagnosen in der ICD, biopsychosoziale Schmerzmodelle. Vertreter eines integrativen, evidenzbasierten Ansatzes, der Körper und Psyche als untrennbare Einheit betrachtet. Sein Anliegen: Stigmatisierung abbauen, Schmerzverständnis in Politik und Gesellschaft erweitern.
Johanna Schulz-Koffka (Hannover) Anästhesietechnische Assistentin und Lehrerin für Anästhesietechnische Assistenz am Fachschulzentrum der DIAKOVERE gGmbH Hannover. Studentin der Medizinpädagogik an der Medical School Hamburg. Engagiert bei Medicine for Antiracist Action (BVMD). Thematische Schwerpunkte: rassismusbedingte Ungleichbehandlungen in der Schmerzmedizin, diversitätssensible Ausbildung in Gesundheitsberufen.
Zentrale Themen
1. Mythos: Schmerz ist eine Alarmanlage für den Körper. Schmerz ist kein simples Warnsystem, sondern das Ergebnis komplexer Interpretationsprozesse des Gehirns – geprägt durch Erfahrung, Kultur und soziale Realität. Diese Perspektive fordert eine Abkehr von mechanistischen Modellen hin zu einem Verständnis, das Kontext, Lernen und Wahrnehmung einbezieht. Notwendig sind verlässliche Aufklärung, Normalisierung chronischer Schmerzen und Entstigmatisierung.
2. Mythos: „Morbus Bosporus“ – Übertriebenes Schmerzverhalten. Rassifizierende Zuschreibungen wie Morbus Bosporus oder Morbus Mediterraneus wirken in Ausbildung und klinischer Praxis fort. Der Vortrag analysierte, wie struktureller und alltäglicher Rassismus die Schmerzbehandlung beeinflusst, Forschungslücken verdeckt und stereotype Zuschreibungen reproduziert.
Erkenntnisse
Der Webtalk zeigte, wie überholte Mythen und diskriminierende Narrative zu Fehlwahrnehmungen und ungleicher Versorgung führen. Ein modernes Schmerzverständnis muss kulturelle, soziale und politische Dimensionen einbeziehen – um Mythen zu entlarven, Stigmata zu überwinden und Wege zu einer gerechteren, informierten Schmerztherapie zu öffnen.
Fokus
Dieser Webtalk debattierte die existenziellen und ontologischen Dimensionen des Schmerzes aus interdisziplinärer Perspektive. Medizinische, soziologische und philosophische Ansätze wurden integriert, um die fundamentale Rolle des Schmerzes für menschliche Existenz und Identitätsbildung zu analysieren.
Referent*innen und Expertise
Dr. med. Kristin Kieselbach (Universitätsklinikum Freiburg). Klinische Spezialisierung: Neurochirurgie, Spezielle Schmerztherapie. Forschungsschwerpunkt: Erweiterung des biopsychosozialen Schmerzmodells. Theoretischer Ansatz: Integration existentiell-spiritueller Dimensionen. Institutionelle Rolle: Leitung Interdisziplinäres Schmerzzentrum
Dr. Stefan Dreßke (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg). Fachbereich: Soziologie, Mikrosoziologie. Forschungsgebiete: Medizinsoziologie, Palliativversorgung, Alter und Schmerz. Methodischer Ansatz: Qualitative Sozialforschung. Spezialisierung: Behinderung, Rehabilitation und Schmerzversorgung
Zentrale Themen
Schmerz als fundamentales menschliches Phänomen, das Selbstverständnis, Identität und Lebenssinn beeinflusst. Untersuchung der Auswirkungen chronischer Schmerzen auf die Weltwahrnehmung und existenzielle Orientierung.
Biografische und gesellschaftliche Kontextualisierung: Soziologische Betrachtung der gesellschaftlichen und kulturellen Verhandlung von Schmerz, insbesondere im Kontext des Alterns. Analyse der Rolle des Schmerzes in Lebenserzählungen und kollektiven Gedächtnisstrukturen.
Intersubjektivität und soziale Dimensionen: Untersuchung der sozialen und emotionalen Aspekte der Schmerzerfahrung, einschließlich der Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Bindungen. Analyse von Empathie, Isolation und Widerstand als Reaktionsformen.
Erkenntnisse
Die Diskussion verdeutlichte die Notwendigkeit einer Erweiterung medizinischer Schmerzmodelle um existenzielle und spirituelle Dimensionen. Die soziologische Analyse zeigte auf, wie Schmerz als gesellschaftlich konstruiertes Phänomen in biografischen Narrativen und Altersprozessen verhandelt wird. Besonders relevant erwies sich die Erkenntnis, dass Schmerz sowohl als Bedrohung der Existenz als auch als konstitutives Element menschlicher Erfahrung verstanden werden muss.
Fokus
Dieser Webtalk widmete sich der interdisziplinären Analyse der Beziehung zwischen Schmerz und künstlerischem Ausdruck. Ästhetische, literaturwissenschaftliche und klinisch-psychologische Perspektiven wurden integriert, um die kulturelle Konstruktion und Wahrnehmung von Schmerz zu untersuchen.
Referent*innen und Expertise
Prof. Dr. Christian Grüny (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart). Forschungsgebiete: Ästhetik, Musikphilosophie, Performancetheorie. Fachbereich: Phänomenologie und Kulturphilosophie. Publikationen: Umfangreiche Arbeiten zur Ästhetik der Gegenwart
PD Dr. Björn Hayer (Universität Koblenz-Landau). Fachbereich: Literatur- und Kulturwissenschaft. Spezialisierung: Ästhetik des Schmerzes. Publikation: "Sinn und Unheil. Zur Ästhetik des Schmerzes" (2023)
Dr. Ulrike Kaiser (Universitätsklinikum Schleswig-Holstein). Klinische Expertise: Psychologische. Psychotherapie, Schmerztherapie. Forschungsschwerpunkt: Versorgungsforschung Schmerztherapie
Zentrale Themen
Analyse der Darstellung und Bedeutung von Schmerz in verschiedenen künstlerischen Medien (Literatur, Musik, bildende Kunst, Film) und deren Einfluss auf gesellschaftliche Schmerzkonzepte.
Untersuchung der historischen Entwicklung der Romantisierung des Schmerzes, insbesondere in der Romantik, und deren Auswirkungen auf zeitgenössische Schmerzwahrnehmung.
Kreativität und Pathologie: Kritische Betrachtung der Dichotomie zwischen Schmerz als kreativem Katalysator und als Hindernis für künstlerische Produktivität, basierend auf empirischen und theoretischen Erkenntnissen.
Medienspezifische Schmerzdarstellung: Komparative Analyse der unterschiedlichen Ansätze verschiedener Kunstformen bei der Repräsentation von Schmerzerfahrungen.
Chronischer Schmerz und künstlerische Praxis: Empirische Untersuchung der Auswirkungen chronischer Schmerzzustände auf künstlerische Schaffensprozesse und die therapeutische Dimension künstlerischer Aktivität.
Erkenntnisse
Die interdisziplinäre Diskussion offenbarte die Ambivalenz kultureller Schmerzdarstellungen: Während künstlerische Repräsentationen zur Legitimierung und zum Verständnis von Schmerzerfahrungen beitragen können, bergen romantisierende Darstellungen das Risiko der Trivialisierung realer Leidenserfahrungen. Die Analyse verschiedener künstlerischer Medien zeigte medienspezifische Potenziale und Grenzen der Schmerzdarstellung auf.
Fokus
Dieses Online-Auftaktdialogforum erörterte die strukturellen, kulturellen und systemischen Aspekte der Integration von Gesundheitsfachkräften mit Migrationshintergrund in die deutsche Schmerzversorgung. Die interdisziplinäre Analyse umfasste arbeitsmarktsoziologische, medizinische und gesundheitspolitische Perspektiven.
Referent*innen und Expertise
Dr. Kseniia Gatskova (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB). Forschungsschwerpunkt: Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung. Projektleitung: Längsschnittstudie zu Geflüchteten aus der Ukraine in Deutschland (SUARE). Expertise: Empirische Analyse von Integrationshindernissen und -strategien
Dr. Raghav Char Ravi (Waldkrankenhaus Spandau). Klinische Perspektive: Assistenzarzt Allgemein- und Viszeralchirurgie. Biografische Perspektive: Medizinstudium in Indien, Weiterbildung in Deutschland. Praxiserfahrung: Navigation durch das deutsche Gesundheitssystem
Dr. Michael Schenk (Franziskus Krankenhaus Berlin, BVSD). Fachliche Expertise: Anästhesiologie und Schmerzmedizin. Institutionelle Perspektive: Vorstandsmitglied Berufsverband. Spezialisierung: Anerkennungsverfahren medizinischer Qualifikationen
Zentrale Themen
Strukturelle Barrieren im Gesundheitssystem: Systematische Analyse administrativer, bürokratischer und institutioneller Hindernisse, die die Integration qualifizierter Fachkräfte erschweren. Besondere Berücksichtigung der spezifischen Anforderungen der Schmerzmedizin.
Qualifikationsanerkennung und Kompetenzvalidierung: Untersuchung der Verfahren zur Anerkennung ausländischer medizinischer Qualifikationen, einschließlich der Bewertung fachspezifischer Kompetenzen und der Anpassung an deutsche Standards.
Sprachliche und kulturelle Kompetenz: Analyse der Bedeutung präziser medizinischer Kommunikation in der Schmerztherapie und Entwicklung von Strategien zur Überwindung sprachlicher Barrieren.
Systemspezifische Herausforderungen: Betrachtung der besonderen Charakteristika der deutschen Schmerzversorgung, einschließlich rechtlicher Rahmenbedingungen und spezialisierter Behandlungsansätze.
Erkenntnisse
Die Diskussion verdeutlichte die Komplexität der Integrationsprozesse auf mehreren Ebenen: von individuellen Anpassungsstrategien über institutionelle Barrieren bis hin zu systemischen Reformbedarfen. Besonders relevant erwies sich die Notwendigkeit kultursensibler Ansätze in der Schmerzbehandlung, Sprachkompetenz und die Bedeutung diverser fachlicher Perspektiven für die Qualität der Patientenversorgung.